Das erste Mal an Bord einer Segelyacht. Für den Gast ein Erlebnis, für den Skipper (so nennt man den Schiffsführer) viel zu erklären. Damit der Aufenthalt zur Freude wird, sollte man ein paar Tipps beherzigen. Wir starten deshalb eine Serie von Artikeln, die Neulingen an Bord eine erste Orientierung geben und ein Gefühl davon vermitteln, was auf sie zukommt. Am Ende der Serie werdet ihr eure Mitsegler mit so manchem Vorwissen beeindrucken können.
Wir geben euch nicht einfach Packlisten an die Hand. Stattdessen stellen wir euch erst das Leben an Bord ein wenig vor. Daraus ergibt sich dann schrittweise auch eine Packliste, die wir euch aber erst am Ende der Serie nochmal gebündelt zusammenfassen. Aus der könnt ihr dann aber qualifiziert auswählen und müsst nicht unnützes Zeug kaufen und rumschleppen.
Erster wichtiger Tipp: Kauft nicht alles schon für eure erste Reise. Wartet erstmal ab, ob ihr auch ein zweites Segelabenteuer wollt. Überlegt dann, was euch gefehlt hat, und lasst euch inspirieren. Wir gehen gezielt auf das ein, was sich für uns bewährt hat, und empfehlen auch Alternativen, die man möglicherweise eh schon selbst oder im Freundeskreis verfügbar hat.
Inhalt
Aufbau eines Bootes
Ein Boot ist grob gesprochen eine stromlinienförmige Wanne aus Stahl, Aluminium oder glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Das nennt man den Rumpf. Darauf wird eine Platte gesetzt, welche die Wanne oben abschließt. Das nennt man Deck.
Dazwischen gibt es jede Menge Winkel, Nischen, Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen wird. Wir haben auf unserem Boot einige davon sogar mit Kantenschutz aus dem Kleinkindsicherungsbedarf entschärft. Helm und Rüstung braucht ihr aber nicht, man trägt die blauen Flecken mit Humor und Würde.

Mast und Segel
Auf dem Deck steht senkrecht der Mast. Er besteht meist aus Aluminium, kann aber auf Traditionsschiffen noch aus Holz sein und wird von mehreren dicken Drahtseilen stabilisiert, die an Deck oder am Rumpf befestigt werden. Die Drähte, die den Mast nach vorne und hinten abspannen, nennt man Vorstag und Achterstag. Die zur Seite abspannenden Drähte nennt man Wanten. Damit steht der Mast fast so wie ein Funkmast.
Zwischen Mast und Stagen entstehen Dreiecke. Dort werden dann die Segel befestigt, man sagt auch angeschlagen. Segel werden immer mit der nach vorne zeigenden Kante, dem Vorliek, senkrecht angeschlagen und sind nach hinten mehr oder weniger frei flatternd. Moderne Yachten haben (mindestens) zwei Segel. Eines, das am Vorstag angeschlagen wird. Man nennt es allgemein Vorsegel. Je nach Größe des Vorsegels gibt es nochmals eigene Namen, bspw. Fock oder Genua. Das zweite Segel wird an der Rückseite vom Mast angeschlagen. Man nennt es das Großsegel, oder einfach nur das Groß. An der Unterkante wird es durch eine weitere Stange zu einem Dreieck aufgespannt. Die Stange nennt man Großbaum.

Unterwasserschiff und Stabilität
Unter Wasser in der Mitte des Rumpfes haben Segelboote eine Finne. Die Finne kann entweder eine Art langes Brett sein und sogar entfernt werden. Dann nennt man sie Schwert. Oder sie kann fest am Boot befestigt sein, meistens mit einem Bleigewicht am unteren Ende beschwert. Dann nennt man sie Kiel. Schwert und Kiel haben eine Funktion gemeinsam: Sie verhindern, dass das Boot seitwärts wegtreibt, wenn der Wind seitlich in die Segel drückt. Dadurch kann das Boot den Winddruck stattdessen in den Vorwärtstrieb und etwas Neigung zur Seite umlenken.

Die Neigung zur Seite nennt man Krängung und ist Teil des Prinzips, warum ein Segelboot bei Wind von der Seite oder sogar fast von Vorne vorwärts fährt und nicht einfach seitwärts wegdriftet. Bei den Booten mit Schwert sorgt die Form des Rumpfes dafür, dass das Boot nicht zu stark kippelt oder umkippt. Ausgeschlossen ist das aber nicht.
Bei den meist größeren Booten mit Kiel entfaltet der darin eingegossene Ballast eine besonders stabilisierende Wirkung. Er verlagert den Schwerpunkt des Bootes nach unten und wiegt etwa ein Drittel des gesamten Bootes. Wenn das Boot sich zur Seite neigt, verstärkt sich der entgegenwirkende aufrichtende Effekt noch zusätzlich, bis sich ein Gleichgewicht aus der kippenden Kraft des Windes und der aufrichtenden Kraft des Kiels einstellt. Das Boot nimmt dann eine stabile geneigte Position ein und bleibt in dieser Neigung. Wenn der Wind zunimmt, krängt das Boot etwas mehr, wenn der Wind abnimmt, krängt es etwas weniger.
Diesem Grundprinzip zu vertrauen benötigt etwas Zeit, aber es kommt irgendwann. Je größer die Krängung wird, neigt sich der Kiel auch stärker zur Seite. Dadurch verkleinert sich der seitliche Widerstand des Kiels im Wasser. Das Boot fängt an, seitlich wegzudriften, statt mehr zu krängen. Zugleich neigt sich der Mast mit den Segeln auch aus dem Wind heraus, und die Angriffsfläche sinkt. Deshalb fällt ein Segelboot mit beschwertem Kiel in der Regel nicht auf die Seite.
Krängung und Reff
Es mag am Anfang etwas ungewohnt oder gar beängstigend sein, wenn sich das Boot auf der einen Seite vom Wasser abhebt und auf der anderen Seite das Wasser scheinbar näher kommt. Aber nach kurzer Zeit werdet ihr merken, dass nichts Schlimmes passiert. Es wird höchstens etwas schwieriger, sich an Bord zu bewegen oder auch nur zu sitzen.
Wenn euch die Krängung zu ungemütlich wird oder Angst macht, solltet ihr den Skipper fragen, ob er die Segel reffen könnte. Das bedeutet, dass man die wirksame Segelfläche verkleinert, das überschüssige Segeltuch wegbindet und damit die Angriffsfläche für den Wind verkleinert. Das Boot wird danach etwas aufrechter fahren und meistens nicht mal sehr viel langsamer. Sollte der Skipper nicht auf euch hören, könnt ihr ihn an den eisernen Grundsatz erinnern:
Man sollte reffen, wenn man zum ersten mal darüber nachdenkt.
Leben an Bord – was mit euch mitfährt
Nein, hier geht es nicht um eure Mannschaft, sondern um das, was neben euch sonst noch auf und an einem Boot lebt. Das ist nämlich ein eigenes Ökosystem.
Spinnen an Bord – harmlos, aber fleißig
Es gibt auf den meisten Booten Spinnen (unsere bleiben aber freiwillig draußen, denn drinnen gibt es kein Futter). In Europa sind sie harmlos. Und man kann sich schnell an sie gewöhnen, wenn man sich etwas Zeit nimmt, sie zu beobachten. Ich hatte schon als Kind panische Angst vor Spinnen. Heute nehme ich sogar die dicken, großen auf die Hand. Nicht immer gerne, aber es fällt mir immer leichter. Der Weg dahin hat eine Weile gedauert. Mir hat geholfen, ihre Lebensweise zu verstehen. Und an Bord wird man ihnen ziemlich sicher recht nahe kommen, um sie aus nächster Nähe beobachten zu können.
Sie wollen euch nichts tun. Sie fürchten sich tatsächlich vor euch, denn wenn sie versehentlich auf euch landen, wollen sie schnell wieder runter. Sie beißen auch nicht und bisher hat mir auch keine nur eine auf die Hand gemacht. Was erstaunlich ist, denn aufs Boot machen sie ständig und hinterlassen hässliche kleine schwarze Flecken.
Wir leben mit ihnen nach dem einfachen Prinzip: An Deck ist deren Revier, unter Deck ist unser Revier, d.h. wir befördern sie hinaus. Sie zu zerdrücken ist übrigens doof, denn das macht sehr große Flecken. Auch ins Wasser werfen könnt ihr euch vor allem im Hafen sparen, denn viele der Arten an Bord sind gute Schwimmer und kommen geradewegs wieder zurück. Nehmt sie einfach in ein Glas und einen Pappdeckel (oder auf die Hand) und setzt sie draußen an Deck oder auf dem Steg aus. So halten sie Unmengen an Mücken und Fliegen von euch fern, die man am nächsten Morgen zusammen mit den Netzen einfach einsammeln und über Bord entsorgen kann.
Andere “Mitbewohner”: Algen, Muscheln, Krebse und Dieselbakterien
Daneben gibt es noch weitere Lebensformen. Mäuse könnten an Bord kommen, sind uns aber bisher nie begegnet. Auch kann es passieren, dass Algen, Muscheln oder Krebse ins Schiff kommen. In der Regel passiert das, wenn man das Seewasser ins Schiff bekommt. Das kann bei Wartungsarbeiten sein, beim Reinigen des Kühlwasserfilters. Oder wenn man die Logge oder das Echolot zum Reinigen losschraubt. Das sammelt man einfach nach den Arbeiten wieder auf. Auch beim Spülen der Bordtoilette sieht man manchmal kleine Partikel durch die Schüssel flitzen. Das ist kein Problem, die landen im Fäkalientank und werden hinterher abgesaugt oder – nur dort, wo erlaubt – zurück ins Meer gespült.
Küchenschädlinge und Wasser
Und natürlich gibt es noch das, was sich sonst in eurer Küche einnisten kann, beispielsweise in Lebensmitteln. Entsprechende Vorkehrungen sollten daher bei der Lebensmittellagerung getroffen werden. In unseren Regionen reicht dieselbe Sorgfalt, die ihr in eurer eigenen Küche betreibt. Haltet eure Lebensmittel gut verschlossen, das hilft schon sehr viel. In tropischeren Regionen wird es dagegen komplizierter. Hierzu lohnt sich ein eigener Artikel.
Das Trinkwasser im Tank und sogar der Dieseltank können Bakterien enthalten. „Lange“ im Wassertank gelagertes Wasser kann etwas muffig werden. Das ist für Händewaschen und Geschirrspüen kein Problem. Zum Trinken kann man es weiterhin im Tee oder Kaffee verkochen. Meistens ist das Frischwasser aber eher schnell verbraucht und muss nach wenigen Tagen nachgetankt werden. Wenn man dabei ein wenig auf Sauberkeit achtet und den Wasserschlauch erst für ca. 1 Minute durchspült (Legionellengefahr), bevor man den Schlauch in den Tankstutzen hält, hat man schon eine viel bessere Basis.
Zusammenfassung
Du hast in diesem Artikel schon mal gelernt, wie ein Segelboot aufgebaut ist, dass größere Segelboote mit Ballastkiel sich zwar neigen, aber nicht umfallen, und dass es noch andere, harmlose Bewohner an Bord gibt. In den kommenden Artikeln wirst du lernen, wie man auf Segelbooten wohnt, schläft, kocht und auf Toilette geht. Außerdem werden wir dir einige Handgriffe für dein erstes Ablegemanöver zeigen.

