Wer Hafenkino liebt, der weiß: Es kündigt sich oft lautstark an. Wenn man das Rufen und Brüllen einer Mannschaft beim Anlegemanöver hört, bahnt sich schon das Unheil an. Es ist auch nicht verwunderlich, denn Motorlärm, viele Stimmen, Windgeräusche erschweren die verbale Kommunikation. Und zu guter Letzt: Die Ansagen der Crew werden nie zum Skipper nach hinten gerufen, sondern nach vorne zu den Zuschauern am Steg. Für den Skipper eine Stresssituation, die sich auf die Mannschaft überträgt.
Dagegen gibt es auch im Segelsport Beispiele für nonverbale Kommunikation. Wir haben schon beim SKS gelernt, am Bug stehend beim Anker aufholen und beim Aufschießer zum MOB mit ausgestrecktem Arm die Korrektur an den Rudergänger anzuzeigen. Völlig ohne Gebrüll.
Weil die Idee viel Potenzial hat, sollten wir uns damit tiefer beschäftigen.
Inhalt
Kommunikation an Deck
Kommandosprache
Die Kommandosprache ist ein wichtiges Instrument an Bord. Sie ist durch ihren Namen zu Unrecht gefürchtet. Denn es geht nicht um Macht und Gewalt. Sie ist in langer Tradition und fortlaufender Optimierung an die Anforderungen der Bordpraxis angepasst. Sie ist kurz, präzise, eindeutig. Meistens aus zwei Ausdrücken zusammengesetzt:
- Objekt: Das, was bewegt werden soll. Leine, Anker, Fender.
- Imperativ: Die Handlungsaufforderung, zum Beispiel „fieren“, „dicht“, „los“, usw.
Daneben gibt es einige Ankündigungen wie „Ree“ oder „rund Achtern“, die nicht ganz in das Schema passen, aber dennoch kurz und eindeutig sind.
Der große Vorteil ist, dass durch die Verbreitung eine standardisierte Sprache etabliert wurde und jeder erfahrene Matrose auf jedem Schiff sofort weiß, was gleich passieren wird. Eine Schiffsführung mit Ansagen wie
Ja, äh hier, Klaus, kannst du gleich mal bitte die, äh, Vorleine fieren? Ach äh, Peter, du auch bitte die andere?
ist ineffizient, kostet Zeit, lässt Spielraum für Interpretationen und insbesondere Zweifel an der Kompetenz des Skippers, denn es wirkt als hätte er noch keinen Plan. In der Gleichen Zeit kann man nämlich auch das komplette Ablegemanöver dirigieren:
Klaus, Peter, klar bei Achterleine, fieren auf Kommando. Herbert, Ralf, klar bei Vorleine, auf Kommando los und ein.
Und auch das ist noch Prosa. Diese Ansage enthält aber bereits die Informationen
- Wer wo stehen soll
- Dass noch keine Leine loskommt, aber alle Leinen für den nächsten Schritt bereit gelegt werden
- und sogar den Luxus: welches Kommando anschließend erfolgen wird.
Mit diesen Infos weiß eine eingewiesene Crew genau, wie das Ablegemanöver ablaufen wird.
Grenzen und Probleme der verbalen Sprache
Leider funktioniert es in der Praxis dennoch oft nicht ganz reibungslos, denn die verbale Kommunikation hat einige Einschränkungen.
- Untechnisch vereinfacht, nimmt Schallintensität quadratisch mit der Entfernung ab. Wenn man den Abstand verdoppelt, ist die Schallintensität nicht etwa halbiert, sondern nur noch ein Viertel. Wenn man sie verzehnfacht, ist es nur noch ein Hundertstel. Von der Schallintensität bei 1m Abstand im Gespräch bleibt von der Unterhaltung über das Deck einer kompakten 10m Segelyacht hinweg nicht mehr viel übrig.
- Die Mannschaft steht oft mit dem Rücken zum Rudergänger, weil sie sonst nicht arbeiten kann. Der Schall trägt dann natürlich viel stärker nach vorne, zum Steg oder zum Ozean, und nur kümmerlich zum beabsichtigten Empfänger. Selbst wenn man sich dieser Problematik bewusst ist und auch immer wieder darauf hinweist, den Kopf zum Empfänger zu richten, so ist es in der Praxis doch eher ein frommer Wunsch, sogar bei eingespielten Crews.
- Wenn Menschen lauter rufen und brüllen, fällt oft die Unterscheidung der Stimme schwerer, als wenn sie normal reden. Es ist daher schwieriger, anhand der Stimmen zu erkennen, wer gerade gesprochen hat.
- Auf den meisten Segelyachten steht zwischen dem Rudergänger und der Mannschaft an Deck ein Motor, der selbst Geräusche erzeugt und das, was noch gebrüllt wird, überlagern kann. Direkt hinter ihm plätschert das vom Rumpf und Propeller verwirbelte Wasser. Beide sind im kurzen Abstand zum Rudergänger und daher deutlich lauter als die Crew auf dem Vorschiff.
- Zudem weht ja auch noch ein Wind (wir sind ja Segler) und der macht auch Windgeräusche, wenn er sich an Wanten, Achterstagen oder Ohrläppchen bricht. Wir alle kennen das laute Rauschen an Mikrofonen in unseren Handyvideos. Das Gleiche erlebt man aber auch mit bloßem Ohr. Deshalb sieht man auch im Film die Leute bei Sturm schon auf kürzester Entfernung nicht reden, sondern brüllen. Das dient nicht nur der Dramatik. Schon bei 4 Bft ist „HÄÄ?“ das wohl häufigste Kommando.
Im Ergebnis passiert dann auch noch etwas Psychologisches. Crew und Rudergänger rufen lauter und lauter, um sich zu verständigen. Dieses Verhalten ist vielen Menschen aber auch aus dem Alltag bereits vertraut, wenn sich eine Unterhaltung in einen Streit oder eine hitzige Diskussion entwickelt. Wenn nun die Mannschaft aus pragmatischen Gründen lauter und lauter wird, kann dies auch zu unterbewussten Reaktionen führen, da die Kommunikation als Unhöflichkeit missverstanden wird. Gerade unter Paaren tritt dies besonders auf, da hier auch Vorerfahrungen mit der lauten Stimmlage in Konfliktsituationen existieren. Dieses Missverständnis erhöht jedoch die Stresssituation. Aus ähnlichem Grund fällt es selbst erfahrenen Skippern oft schwer, Kommandos ohne „bitte“ zu geben. Sie fürchten, als unfhöflich missverstanden zu werden.
Im Ergebnis kommt es dann zu Fehlkommunikation, Missverständnissen, unterschwelligen bis überbrodelnden Aggressionen. Szenen, die dieses allgemeine Kulturgut bestens wiederspiegelt:
Dabei hätte ein gutes, allgemein verständliches Handzeichen die Kommunikation sogar in diesem Fall deutlich verbessert.
Handzeichensysteme
Inspiration: Welche Handzeichensysteme gibt es schon?
Gute Kommunikation ist kein Zufall, und es gibt viele Bereiche, die damit arbeiten. Es lohnt einen Blick auf die Erfahrungen von Einsatzkräften oder Sportlern, die Handzeichen bereits standardisiert haben. Mit einigem „Abspicken“ kann man sich damit ein eigenes System für Handzeichen an Bord zusammenstellen.
Tauchsport (Scuba Diving) – Standard-Tauchzeichen
Unter Wasser nutzen Taucher weltweit standardisierte Handzeichen zur Verständigung. Die World Recreational Scuba Training Council (WRSTC) hat 2005 31 grundlegende Tauch-Handsignale normiert, die jeder Sporttaucher kennen sollte. Diese Signale (z.B. „OK“, „Auftauchen“, „Problem/ Hilfe nötig“) wurden später in die internationale Norm ISO 24801-2 übernommen und sind fester Bestandteil der Tauchausbildung praktisch aller Tauchverbände. Offizielle Ausbildungsunterlagen – etwa der PADI-Kurs oder CMAS-Manuale – enthalten diese international einheitlichen Tauchzeichen, um unter Wasser wichtige Informationen (Druckluftvorrat, Richtung, Gefahr etc.) ohne verbale Kommunikation zu übermitteln.
Such- und Rettungswesen (SAR) – Rettungssignale an Land und Wasser
Auch im Search-and-Rescue-Bereich existieren standardisierte Handzeichensysteme. Im Rettungswesen – von Strandrettung bis Offshore-Suche – spielen Handzeichen ebenfalls eine wichtige Rolle. International gilt als universelles Notsignal für in Not geratene Personen das weithin sichtbare Zeichen, beide Arme seitlich lang auszustrecken und wiederholt langsam nach oben und unten zu bewegen, um Hilfsbedürftigkeit anzuzeigen. Dieses Zeichen ist in den weltweiten Kollisionsverhütungsregeln (COLREG Regel 37) als offizielles Notzeichen verankert und wird z.B. von Schiffbrüchigen oder verunglückten Wassersportlern verwendet, um Rettungskräfte auf sich aufmerksam zu machen.
Wasserrettung und Lifeguards nutzen spezielle Handzeichen, um während eines Einsatzes ohne Funk miteinander zu kommunizieren. Die International Life Saving Federation (ILS) empfiehlt beispielsweise vier grundlegende Handzeichen für Rettungsschwimmer (etwa „Hilfe erforderlich“ oder „Alles in Ordnung“) und vier Richtungszeichen, damit sich Rettungskräfte am Strand oder Schwimmbecken weltweit verständigen können. – In der Berg- und Luftrettung gelten international vereinbarte Notsignale mit den Armen: Beide Arme schräg nach oben (forming “Y”) bedeuten “Ja, wir brauchen Hilfe”, während ein Arm nach oben und einer nach unten (“N”) “Nein, keine Hilfe nötig” signalisieren. Solche visuell auffälligen Zeichen werden von verunglückten Personen am Boden genutzt, um z.B. einem Such- und Rettungshelikopter anzuzeigen, ob Hilfe benötigt wird. Zusätzlich verwenden Rettungskräfte (etwa Bergretter oder Hubschrauber-Windenoperatoren) definierte Armzeichen, um sich bei lauten Umgebungsgeräuschen oder Funkproblemen verständigen zu können – etwa beim Einweisen eines Helikopters oder beim Abseilen eines Retters.
Weitere Anwendungsbereiche – Stille visuelle Kommandos
In anderen Bereichen, in denen laute oder direkte Ansprache nicht praktikabel ist, haben sich ebenfalls Handzeichen-Systeme etabliert. Militärische Einheiten (Infanterie, Spezialeinsatzkräfte) nutzen etwa Arm- und Handzeichen zur lautlosen Koordination von Truppenbewegungen und Befehlen. Diese sind in offiziellen Dienstvorschriften standardisiert – z.B. zeigen US Army und NATO Vorschriften Dutzende solcher Signale für Formationen, Angriffs- oder Haltebefehle usw.
Im Flugbetrieb kommen dagegen Einwinker-/Marshalling-Signale zum Einsatz: Bodenpersonal weist damit Flugzeuge oder Helikopter durch genormte Armbewegungen (oft mit Leuchtstäben) ein, um Rollen, Stoppen oder Notfälle anzuzeigen. All diese Systeme gemein ist, dass sie von offiziellen Stellen (Verbänden, Behörden oder Normierungsgremien) festgelegt wurden und in ihrem Bereich für sichere, nonverbale Kommunikation sorgen.
Kriterien für gute Handzeichen an Bord
All diese Systeme zeigen: Kommunikation ohne Sprache funktioniert – und zwar effizient – sogar in Stresssituationen, wenn Zeichen klar definiert, verstanden und geübt sind. Zudem fallen einige Gemeinsamkeiten auf:
- Sichtbarkeit: Wie beim Flugbetrieb könnte es für sinnvoll sein, bei Dunkelheit auf irgendeine Form der Beleuchtung zu setzen. Dazu gehört entweder, dass man die Gesten im Lichtkegel der Stirnlampe durchführen kann, oder sich Leuchtkörper ums Handgelenk bindet.
- Weite Gesten: Sie erleichtern die Sichtbarkeit auf lange Distanzen. Kleine Handbewegungen können auf bestimmte Entfernungen nicht mehr deutlich erkannt werden. Weite Armbewegungen sind weit sichtbar.
- Unnatürliche Bewegungen: Wenn eine Körperhaltung oder Bewegung in einer Situation natürlich auftreten kann, ist sie als Zeichen ungeeignet.
- Einhändig: Für den Bordgebrauch sollten die Handzeichen idealerweise mit einer Hand oder einem Arm ausgeführt werden können und bestenfalls symmetrisch funktionieren, so dass es egal ist, mit welchem Arm man sich festhält und mit welchem Arm man das Zeichen gibt. Einen Wechsel der Arme sollte man zur Sicherheit vermieden.
Handzeichen für Segler: SailSign
All diese Gedanken hat sich eine Gruppe von Skippern und Matrosen niederländischer Großsegler gemacht. Sie haben für sich ein System erarbeitet, welches sie seit über 10 Jahren an Bord anwenden, verbessern und an ihre Azubis weitergeben. Sie haben dieses System dokumentiert und für alle unter dem Arbeitstitel „SailSign“ frei zugänglich gemacht.
Für den Segelsport gibt es mit SailSign eine umfassende Zeichensprache, die speziell für Manöver an Bord entwickelt wurde. SailSign ermöglicht es Skipper, Rudergängern und Vorschiff auch bei starkem Wind, Motorenlärm oder größerer Distanz durch Handzeichen leise und eindeutig zu kommunizieren. Dieses System wurde aus gängigen Gesten (z.B. Faust als Zeichen für „Leine fest“) weiterentwickelt und berücksichtigt sogar international etablierte Handzeichen aus dem Tauchsport sowie Körpersignale aus dem Such- und Rettungswesen (SAR). SailSign ist frei verfügbar und soll Segelcrews helfen, An- und Ablegen, Wenden, Ankern u.a. Manöver ohne Rufen durchzuführen.
Einen der Autoren, Johannes Ruppert, habe ich während meiner SSS-Ausbildung kennengelernt. Er segelt häufiger als Matrose auf niederländischen Großseglern mit und hat die Dokumentation der Handzeichen verfasst. Er war so freundlich, uns die neueste Fassung als PDF zu geben, sodass wir sie hier mit euch teilen können.
Das System ist eine Zusammenstellung aus Tauchzeichen, Rettungszeichen und eigenen, segelspezifischen Zeichen. Man merkt an den Zeichen für die auf Sportbooten eher untypischen Segel, dass sie auf größeren Schiffen unterwegs sind.
Dieses System ist nicht amtlich, ist kein allgemein bekanntes System, keine Vorgabe. Es ist aber eines der wenigen niedergeschriebenen Handzeichensysteme, die speziell von und für Segler entwickelt und erprobt wurden und tatsächlich in der professionellen Großsegelei Anwendung gefunden haben. Nehmt es als Inspiration, pickt euch eure Rosinen heraus und probiert es mal als Mannschaft aus.
Praktische Erfahrungen mit Handzeichen
Handzeichen sind uns bereits an mehreren Stellen begegnet. Zum einen waren sie super, um beim Anker aufholen dem Rudergänger den Weg zum Anker anzuzeigen. Damit kann er der Kette nachfahren und die Person am Bug holt den Anker ein, ohne die Winsch allzu arg zu belasten. Ein Arm senkrecht hoch gehalten heißt gerade aus, eine Neigung wie ein Stundenzeiger nach links oder rechts bedeutet mehr oder weniger stark in die Richtung zu korrigieren. Waagerechtes Anzeigen sieht man von hinten nicht gut.
Das gleiche Handzeichen hat sich auch beim MOB-Training bewährt. Kurz vor dem Aufschießer, wenn das Vorsegel schon eingerollt ist, geht einer zum Bugkorb und gibt Richtung und Abstand zur MOB-Boje an. Das hilft dem Rudergänger (oder Prüfling) um den Schub richtig zu dosieren. Zudem haben wir ein Handzeichen für Lenkimpulse etabliert, wenn sich bspw. eine Leine und das Dampferlicht verhakt hat und man am Mast stehend daran rumwerkelt.
In allen oben genannten Situationen hat sich der gehobene Arm mit Handzeichen gegenüber dem Zuruf bewährt, da der Arbeitende dann nicht erst den Kopf zum Rudergänger drehen muss und womöglich auch noch das Gleichgewicht dabei verliert. Der Rudergänger kann seine Antworten nach vorne per Ruf zurückgeben, die Person am Mast schaut ja nicht hin, hört aber noch was.
Auch im Dunkeln haben wir sie schon benutzt. Da ist es allerdings hilfreich, entweder helle Handschuhe oder bloße Hände zu zeigen. Zusätzlich muss entweder der Rudergänger von hinten oder der Zeigende selbst mit der Stirnlampe für etwas Beleuchtung sorgen.
Wir selbst werden in der nächsten Saison SailSign und auch eigene Ideen zu Handzeichen ausprobieren, vertiefen und an dieser Stelle unsere und möglicherweise auch eure Erfahrungen ergänzen. Schreibt uns, kommentiert unten oder kontaktiert uns über die anderen Kanäle.
Fazit
Handzeichen sind eine nützliche Ergänzung, sobald sie sich hinreichend in der gesamten Mannschaft etabliert haben. In einer kleinen 2er- oder 3er-Crew, die regelmäßig zusammen fährt, wird dies sicher schneller möglich sein als in Mannschaften, die nur ein langes Wochenende verbringen. Mit Sailsign gibt es eine schöne Inspiration für eine eigene Handzeichensprache.


