Das „Mensch über Bord“ Manöver mit Q-Wende

Person über Bord gehört zu den wichtigsten und kritischsten Situationen in der Schifffahrt. Es gibt in der Literatur und den Diskussionen im Internet eine Menge Gedanken und Ideen zum idealen Verfahren für Sportboote, um aus einem laufenden Segelzustand eine Wiederannäherung an die Person herbeizuführen. In der Theorie wirken die Abläufe klar und strukturiert, doch in der Praxis treten oft Stress, Unsicherheit und Kommunikationsprobleme auf – besonders wenn nur eine kleine Crew an Bord ist. Hier setzt das Rettungsmanöver mit Q-Wende an: ein einfaches, flexibel anwendbares und leicht erlernbares Manöver, das aus jeder Segelsituation gefahren werden kann. Ein Halbwindkurs mit anschließender Wende und Rückkehr auf Halbwind, bevor das Boot in einem kontrollierten Aufschießer an der über Bord gegangenen Person zum Stehen kommt

Die Grundidee und die Vorteile des Manövers mit Q-Wende

Im Vergleich zu anderen gängigen „Mann-über-Bord“-Manövern, wie dem Quickstop oder der Münchner Variante, ist das Manöver mit Q-Wende leichter zu lernen und ist oft das erste Rettungsmanöver, das man im Anfänger-Segelkurs lernt. Ihr Name leitet sich von dem charakteristischen Kursverlauf auf der Seekarte ab: Man fährt eine Wende so weit herum, dass der neue Kurs die ursprüngliche Kurslinie wieder schneidet. Die Linien ähneln angeblich der Form des Buchstabens „q“. Es sieht eher aus wie ein stilisierter Fisch.

Die Grundidee des Manövers ist ein leicht zu lernendes und leicht zu merkendes Manöver mit wenigen Elementen, die den Rudergänger oder die Crew verwirren könnten. Es besteht aus einfach zu steuernden Manövern und Kursen (Halbwind, Q-Wende, Halbwind, Aufschießer) und eignet sich daher auch für weniger geübte Crews.

Der Einstieg in das Manöver ist aus jedem Kurs bei Verlust der Person möglich. Andere Manöver wie Quickstop starten bei Amwind-kurs und erwarten auch, dass die Segel bereits dichtgeholt sind. Bei Raumschots muss stattdessen das Teardrop-Manöver gefahren werden. Dadurch ist die mentale Last in der Stresssituation höher.

Das Manöver ist während der Ausführung variabel anpassbar und erweiterbar. Aufschießer oder Nahezuaufschießer, Beilieger zur eigentlichen Bergung, Korrektur durch mehr Raumschots oder mehr Amwind auf dem Rückarm. Da man sich etwas Abstand erfahren muss, bleibt mehr Raum für das bessere Anpeilen der Person im Wasser.

Trust the process. Ein Umschauen und Orientieren „wo ist die Boje oder Person“ ist für den Rudergänger zunächst völlig irrelevant. Man hält sich strikt an den Prozess und hat die Person automatisch auf dem Rückarm nach der Q-Wende in Luv voraus, sofern sie nicht stark abgetrieben wurde.

Exkurs: Wahrer Wind und Scheinbarer Wind

Um die Q-Wende richtig zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf den Unterschied zwischen wahrem Wind und scheinbarem Wind.

  • Wahrer Wind: Der Wind, wie er tatsächlich weht, unabhängig von der Bootsgeschwindigkeit.
  • Scheinbarer Wind: Der Wind, den die Crew an Deck empfindet und den der Verklicker anzeigt. Er ist eine Kombination aus wahrem Wind und Fahrtwind des Bootes. Der scheinbare Wind kommt in Fahrt immer vorlicher als der wahre Wind.

Ein Beispiel: Steuert man bei scheinbarem Halbwind (90° zum scheinbaren Wind), so entspricht dies in Wahrheit oft einem raumschots Kurs von etwa 120° zum wahren Wind. Das bedeutet:

Man gewinnt bereits beim Halbwindkurs automatisch Lee-Raum, ohne absichtlich Raumschots segeln zu müssen. Dadurch reduziert sich das Risiko einer unkontrollierten Patenthalse, die gerade in Stresssituationen eine zusätzliche Gefahr darstellt. Der Wechsel von Halbwind zu Halbwind ist bereits hinreichend, um in eine Position zu kommen, die in Lee der zu rettenden Person liegt.

Umgekehrt ist ein Aufschießer möglicherweise zu früh, wenn die Person genau querab liegt, denn dann kommt man nur in einen nahezuaufschießer und stoppt nicht hinreichend auf.

Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist entscheidend, um das Manöver sauber zu fahren und nicht in unerwartete Komplikationen zu geraten. In unserer interaktiven Scheinbarer-Wind-Visualisierung kannst du sehen, dass erst wenn du den Kurs auf 120 Grad einstellst, sich der Einfallwinkel des scheinbaren Windes als 90° (Halbwind) einstellt.

Wind-Vektor-Simulator: Wahrer vs. Scheinbarer Wind

Visualisierung des Geschwindigkeitsdreiecks (Ws = Ww + Vf) mit Vektoren, die zeigen, wohin die Geschwindigkeit zeigt.

Von Nord (0°).

Richtung der Bootsfahrt (0° = Nord).

N 0°T E 90°T S 180°T W 270°T Vb Ww (Wahr) Vf (Fahrt) Ws (Scheinbar)

Ergebnisse Scheinbarer Wind:

Scheinbarer Windwinkel (AWA):

Scheinbare Richtung (AWD):

Scheinbarer Wind Speed (AWS):

Der Ablauf

Wenn man noch weitere Besatzungsmitglieder an Bord hat, ist der erste Schritt immer, immer, immer den Ausguck zu besetzen. Das bedeutet, die Person hat nur eine einzige Aufgabe: Die Person im Wasser nicht aus den Augen zu verlieren, denn sonst kann das Wiederfinden schwierig werden. Zudem sollte man bei einem Plotter an Steuerstand auch sofort die MOB-Taste drücken. Dadurch wird die aktuelle Position auf der Karte markiert und man kann den Plotter als zusätzliche Orientierung verwenden.

Auf Halbwind-Kurs gehen

Der erste Schritt, nachdem man sich für dieses Manöver entschieden hat, ist das sofortige Korrigieren auf Halbwindkurs. Das bedeutet

  • anluven, um nicht zu weit nach Lee zu kommen und dann zur Person kreuzen zu müssen. Oder
  • abfallen, um nicht zu weit nach Luv zu kommen und dann Raumschots fahren zu müssen, um in eine Position für einen Aufschießer zu kommen, oder beim Aufschießer einen kompletten U-Turn machen zu müssen.

Hat man den Halbwindkurs erreicht, sollte man so schnell wie möglich die Position markieren, bevor man sich zu weit von der Stelle entfernt hat. Hat man dies noch nicht getan, ist jetzt der Moment, die MOB-Taste am Plotter und die Distress-Taste am Funkgerät zu drücken. Dies ist besonders wichtig bei unterbesetzten Mannschaften, bspw. Paaren, wo nur noch einer an Bord ist, denn die Person muss sich um alles gleichzeitig kümmern und wird im weiteren Verlauf noch mehrere Manöver fahren, Segel bedienen und einholen, sowie die Rettung vorbereiten.

Durch die Q-Wende

Wenn man 2-3 Bootslängen auf Halbwindkurs gefahren ist, hat man tatsächlich bereits etwas Lee-Raum zur Person im Wasser gewonnen. Nun fährt man beherzt durch die Q-Wende, um nicht unnötig lange in den Luv-Bereich zurückzusegeln. Dadurch kann man zudem auch bereits Fahrt aus dem Schiff bekommen. Falls man nicht durch die Wende kommt, sollte man jetzt schon den Motor vorwärts einkuppeln.

Wieder auf Halbwind gehen

Vorsegel einholen, damit das Vorsegel nicht killt, und keine Fockschoten umherschlagen. Zudem erlaubt dies, auch eine Person aus Vorschiff zu stellen, und den Rudergänger bei der Ansteuerung anzuleiten und Abstände anzusagen. Bei stärkerem Wind kann es sinnvoll sein, kurz auf Raumschot abzufallen, um Druck aus der Fock zu nehmen, und sie so leichter aufrollen zu können. Dabei aber dringend die Patenthalse vermeiden, denn die kann zusätzlich zum MOB auch noch Verletzte und Riggschäden auf eure Problemliste bringen!

Der Aufschießer

Der Aufschießer zur Person wird langsam und kontrolliert gefahren. Spätestens jetzt sollte auch der Motor mindestens mitlaufen lassen. Die Fahrt sollte an diesem Punkt so gering wie möglich sein, aber ohne dass man die Manövrierfähigkeit verliert. Seegang und starker Wind können höhere Geschwindigkeiten erforderlich machen.

Beim Aufschießer ist zu beachten, dass die Person in bis zu 120 Grad Seitenpeilung liegen muss und nicht 90 Grad querab. Das liegt daran, dass ihr den Aufschießer weiter drehen müsst, als euch der Verklicker suggeriert. Wie oben beschrieben, zeigt er euch ja durch den Fahrtwind immer eine vorlichere Windrichtung als der Wind wirklich pustet. Der tatsächlich ideale Winkel hängt davon ab, ob ihr zu langsam oder zu schnell seid, sowie ob ihr zu nah oder zu weit weg seid.

  • Mit einem schnellen Aufschießer bei über 90° verliert ihr viel Geschwindigkeit und macht weniger Strecke nach Luv. Verschätzt ihr euch, schaltet ihr einfach kurz den Motor im Leerlauf in den Vorwärtsgang.
  • Ein früher, langsamer Aufschießer schon bei 60-90° erhält die Fahrt im Schiff, sodass ihr aber auch viel mehr Strecke nach Luv fahrt und eventuell mit dem Motor abbremsen müsst.

Bei der Ansteuerung der Person solltet ihr nicht frontal, sondern um etwa 1-2 Meter versetzt ansteuern. Dadurch wird der Kontakt mit der Bordwand zumindest reduziert. Im Idealfall berührt ihr die Person gar nicht und stoppt so auf, dass sie genau 10cm neben euch auf Höhe der Wanten im Wasser treibt.

Tipp für die Prüfungen
Wenn die Stab-Boje in einer Prüfungssituation bereits auf Höhe der Wanten ist, aber vermutlich zu weit weg vom Bug um sie mit der Hand zu fassen, dann kann man versuchen, noch mit dem Heck näher heran zu kommen. Dazu muss man das Ruder weg von der Boje drehen. Dadurch dreht der Bug weg von der Boje, das Heck aber zur Boje hin, und man kann vielleicht noch das Manöver retten. Falls der Prüfer nachfragt, sagt ihr einfach, dass ihr eine Luv-Bergung geplant hattet.

Weitere Überlegungen

Muss ich das Manöver exakt fahren?

Nein. Es wird immer ein dynamischer Prozess bleiben. Mal driftet die Person (oder der Fender) schneller und man muss mehr Raumschots gehen, mal dauert das Einholen der Segel länger und man fällt zu weit nach Lee ab. Daher ist es wichtig, sich immer die eigene Position relativ zum Wind und zum MOB innerlich zu veranschaulichen. Am Ende zählt nur, dass man an die Person im Wasser herankommt, ohne dass weitere Probleme verursacht werden.

Wann hole ich die Fock ein?

Nach dem Rettungsmanöver folgt die eigentliche Rettung aus dem Wasser. Diese erfolgt in der Regel Mittschiffs etwa in der Nähe der Wanten, da dort die Schiffsbewegungen am geringsten sind. Das bedeutet, dass ab dem Aufschießer die Fockschoten durch das killende Segel unkontrolliert umherschlagen und die Rettungsbemühungen erschweren. Daher ist es sinnvoll, das Vorsegel vor dem Aufschießer einzuholen.

Der voraussichtlich beste Moment dafür ist bei einem Boot mit Rollreff nach der Q-Wende bei Halbwind oder kurzem Schwenk nach Raumschots. Der Grund: Wenn man es schon auf dem ersten Arm versucht, entfernt man sich zunächst weit von der Person im Wasser und riskiert, sie im Seegang zu verlieren. Geht man hingegen zuerst durch die Wende, dann nähert man sich der Person wieder. Falls das Einholen länger dauert, kann man an der Person im Halbwind vorbeifahren und eine zweite Q-Wende fahren.

Sollte ich den Motor einsetzen?

Unbedingt, denn man gewinnt mehr Handlungsspielraum, kann den Aufschießer verlängern oder verkürzen, und sogar bei schwachem Wind schneller durch die Q-Wende kommen. Auch wenn man das Manöver im SKS nur unter Segeln übt, ist es im Ernstfall fahrlässig, darauf zu verzichten, weil man ja so ein toller Skipper ist. Wer den Motor nicht einsetzt, der nschränkt sich unnötig ein und riskiert wertzvolle Minuten, und damit das Überleben der Person.

Wichtig ist jedoch, den Motor vorsichtig einzusetzen. Unbedingt den Motor in Leerlauf schalten, bevor die Person die Wanten erreicht, um Verletzungen durch den Propeller zu vermeiden. Zudem muss man auch aufpassen, dass man sich keine im Wasser treibenden Leinen von Rettungsmitteln in den drehenden Propeller einfängt.

Ergänzende Gedanken vor dem Ernstfall

Als Schiffsführer sollte man sich vor dem Ernstfall weitere Gedanken machen und die Crew auf das mögliche Szenario vorbereiten.

  • Training: Wie jedes MOB-Manöver sollte auch die Q-Wende regelmäßig geübt werden. Nur so wird sie zur Routine und kann im Ernstfall reflexartig abgerufen werden. Beim Chartern sollte eine Handvoll Durchgänge gleich am Anfang des Törns geprobt werden, um das Boot und die Reaktion der Crew kennenzulernen.
  • Crewgröße: Bei großen Crews kann die Aufgabenverteilung klar strukturiert sein (Ruder, Schoten, Ausguck, Motor). Bei kleinen Crews hingegen ist die Einfachheit der Q-Wende ein entscheidender Vorteil für den Rudergänger, erfordert aber eventuell korrekturen der Segelstellung. Als segelndes Paar sollte man deshalb auch das Quickstop-Manöver zumindest mal ausprobiert haben und dann für sich entshceiden, welches besser passt, und dann bei allen Übungen bei dem bleiben, was man am besten kann.
  • Sicherheit: Rettungsmittel wie Rettungsringe, Lifebelts und AIS-MOB-Sender erhöhen die Überlebenschancen deutlich und sollten parallel eingesetzt werden. Aber auch deren einsatz muss geübt werden. Sonst erhöhen MOB-Sender den Stresspegel durch ungewohnte Alarme und unerwartetes Gepiepse aus dem Funkgerät oder dem Plotter.

Fazit

Das Manöver mit der Q-Wende bietet eine sichere, einfache und universell anwendbare Methode, um eine über Bord gegangene Person schnell und kontrolliert wieder zu erreichen. Ihr klarer Ablauf, die flexible Anpassbarkeit an unterschiedliche Bedingungen und die Möglichkeit, das Manöver durch Motoreinsatz zu unterstützen, machen sie zu einer wertvollen Alternative – insbesondere für kleine Crews oder Fahrtensegler.

Regelmäßiges Üben bleibt jedoch Pflicht: Nur wer die Q-Wende verinnerlicht hat, wird sie im Ernstfall souverän ohne Nachdenken einsetzen können. Dabei unbedingt auch ausprobieren, wann man am besten die Fock einholt, und in welchem Wendewinkel zur Person im Wasser man den Aufschießer fahren muss. Wiederholung macht den Meister.

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